Antiveganer Quatsch der Saison
„Für euer Soja wird der Regenwald abgeholzt!“ Welche Veganer*in hat das noch nie gehört? Dieser Vorwurf ist so alt wie überholt. Mittlerweile wissen die meisten - oder sagen wir mal viele - Menschen, dass die Regenwälder gerodet werden, um Soja für die Tierproduktion anzubauen und nicht für Tofu. Aber vor ein paar Jahren war das ein sehr beliebtes Argument, um Veganys „auflaufen“ zu lassen.
Mir fällt auf, dass bestimmte Vorwürfe immer gehäuft auftreten. Den Sojavorwurf von vor fünf Jahren haben Palmöl, Avocado, Mandelmilch oder Crop Deaths abgelöst. Momentan zeigen viele Omnis auf vegane Schuhe und wollen nicht glauben, dass diese vegan sind.
Warum machen das Menschen? Sie wollen Veganer*innen als Heuchler*innen demaskieren, sie bloßstellen und aufzeigen, dass diese für ganz viel Übel auf dieser Welt verantwortlich sind. Die Omnis wissen auf irgendeiner Ebene ihres Bewusstseins, dass es nicht okay ist, Tiere und ihre Ausscheidungen zu essen und sie auf andere Arten auszubeuten und zu quälen. In der Debatte beschuldigen sie ihr Gegenüber für deren Fehlverhalten, um sie dann schlecht dastehen zu lassen. Das hilft den Omnis, leichter über die eigenen moralischen Verfehlungen hinwegzusehen. Diese Argumentation nennt man TU QUOQUE: „Tu nicht so moralisch, hast selber Dreck am Stecken“ sozusagen.
Aber ich frage mich, wie es möglich ist, dass diese Argumente immer in Wellen kommen? Wie geht das, dass sich diese Argumente so schnell verbreiten? Kennen sich die Omnis alle? Sprechen sie sich ab? Gibt es da antivegane Foren? Selbsthilfegruppen für Tierquäler*innen? Veganys-Hass-Plattformen? Fleisch-Empowerment-Gruppen?
Zum ersten Mal ist mir das vor ein paar Jahren passiert, als ich den Vorwurf hörte, ich sei eine nicht-vegane Heuchlerin, weil ich Mandel-Produkte konsumiere. Bamm, das hat gesessen. Ich bin nicht die große Mandelmilch-Trinkerin, aber mein Mandelmus-Verbrauch ist hoch, ok sehr hoch. Als ich wieder allein war, habe ich dann im Internet recherchiert und das Argument meiner Opponent*in bestätigt bekommen: Viele Mandeln (80% weltweit) kommen aus Kalifornien und die Mandelbäume brauchen enorm viel Wasser. Das hat mich nicht sonderlich schockiert, sind es doch primär die tierischen Produkte, die weltweit den Wasserverbrauch toppen. Aber der nächste Fakt hat mich erschüttert: Für die Bestäubung besagter kalifornischer Mandelblüten braucht es Bienen, die über hunderte, wenn nicht tausende Kilometer von Plantage zu Plantage gekarrt werden müssen, um dort zu bestäuben. Die Bienen leiden enorm darunter, sehr viele von ihnen sterben dabei, weil die Strapazen zu groß sind. Mandeln sind nicht vegan. Punkt. Ich fühlte mich völlig zerstört und elend.
Was ist also tatsächlich dran an dieser Geschichte? Sie stimmt! Und nun kommt das große ABER. Nachzulesen bei Ed Winters, How To Argue With A Meateater, S.85 und S.142. Kurzform: Bienen sind nur eine Art von Insekten, die Pflanzen bestäuben. Die kalifornische Praxis, Bienen quer durchs Land zu karren ist das Geschäftsmodell der Honig-Produzent*innen, die die Gelegenheit ergriffen haben, noch mehr Geld aus der Bienenausbeutung zu holen, indem sie die Bienen an Mandelerzeuger*innen vermieten. So verkaufen sie nicht nur den Honig, sondern auch die Bestäubung der Pflanzen an sich. Doppelt gemoppelt. Die Mandelerzeuger*innen sind keine Veganys. Wären sie das, könnten sie ein insektenfreundliches Umfeld schaffen und so ihre Blüten bestäubt bekommen.
Das war nicht die einzige Falle, in die ich getappt bzw. in der ich mich ertappt gefühlt habe: Da sind auch die Avocados, die enorm viel Wasser brauchen und der Natur deshalb größeren Schaden zufügen sollen als tierische Produkte.
„Für dein Essen werden bei der Produktion extrem viele Tiere getötet!“ Das ist das klassische „Crop Deaths“-Argument, das besagt, dass für Pflanzen, die der veganen Ernährung dienen, mehr Tiere sterben als für das Essen der „Nutz“-Tiere. Hat sich als haltlos herausgestellt. Nachzulesen bei Ed Winters.
Überrascht war ich vor einem halben Jahr, als gefühlt jeder zweite Omni einen Wirtschaftsökologen zum Freund hatte, der ihnen erklärt hat, es sei am effizientesten und richte den geringsten Schaden an, würde jede Person ein Rind töten und alles davon aufessen. Völlig absurd. Die Argumentation hat mir jedes Mal Kopfschmerzen bereitet.
Manchmal wundere ich mich, dass Omnis plötzlich wissen, dass Leder nicht vegan und deshalb nicht ok ist. Das sagt mir, sie haben sich Gedanken darüber gemacht und recherchiert. Aber wie nutzen sie diese Erkenntnis? Indem sie selbst keine Lederschuhe und Taschen mehr tragen? Nein! Sie freuen sich darüber, Veganys bloßzustellen, wenn sie glauben deren Buffalos oder Doc Martens wären aus Leder. Denn den nächsten Schritt Recherche, ob es auch coole Schuhe aus Kunststoff gibt, machen sie nicht!
Im Moment kann ich derlei absurde Argumente und Anschuldigungen gut kontern. Ich habe mich schlau gemacht. Aber was kommt als nächstes? Soja, Mandel und Avocados sind mit Sicherheit nicht die letzten Argumente von Omnis gewesen, die darauf abzielen, Veganys schlecht und moralisch verwerflich dastehen zu lassen.
Aber ich habe einen Plan:
Ich werde wachsam bleiben, viel lesen, recherchieren und lernen.
Ich werde up-to-date bleiben!
Ich werde es aushalten, wenn ich mal eine Debatte in den Sand setze und
Ich werde vor allem nicht den Humor verlieren.