Vegane Alltagsfallen

Endlich vegan!  Was für eine Erleichterung, nicht mehr Teil des Tierquäler- und Mordsystems zu sein, beruhigt und reinen Gewissens in den Spiegel blicken zu können und im Einklang mit den eigenen Werten zu sein. Kein schizophrenes Abspalten mehr, kein Zurechtbiegen der Fakten, keine kognitive Dissonanz. Endlich wieder man selber sein. Tiere lieben – alle Tiere wohlgemerkt - und nicht mehr für Mord und Vergewaltigung zahlen.

Wenn man sich entscheidet, vegan zu werden, nimmt das Essen am Anfang naturgemäß viel Raum ein: Wie komme ich an Nahrung, was gibt es in der  Mensa, was im Restaurants, bei Mama oder in Omas Kühlschrank. Und ist da irgendetwas dabei, für das kein Lebewesen ausgebeutet und gequält wurde? Die Navigation durch den Supermarkt ist ein Abenteuer und die eigene Kreativität auf einem nie da gewesenen Level, weil man drei Mal täglich Einfallsreichtum braucht, um sich alternative Mahlzeiten zu gestalten.

Man hat sich gerade daran gewöhnt, beim Durchlesen des Kleingedruckten auf verpacktem Essen permanent den Kopf zu schütteln, weil so unglaublich viel unnötiges tierisches Zeug enthalten ist. Besonders Milchbestandteile tauchen in Speisen auf, in denen man sie nie vermutet hätte, nämlich Speisen, die gar kein Milcheiweiß, keine Molke oder keinen Milchzucker brauchen. Da kann es schon mal passieren, dass einem der Geduldsfaden reißt und man am liebsten laut schreien würde: „Schiebt euch die billigen tierausbeuterischen Füllstoffe doch sonst wohin, Arschlöcher!“  Aber zum Glück tun wir das nicht. Nicht immer. Die Notwendigkeit, vermeintlich rein pflanzliche Speisen zu überprüfen, hat man bald erkannt und man weiß, dass blindes Vertrauen in die Lebensmittelindustrie völlig unangebracht ist. Und wenn man in ein Omni-Restaurant geht, vertraut man dem Koch/ der Köchin besser nicht blind. Never trust anyone! Es ist ein Eiertanz. Vegan sein braucht viel Aufmerksamkeit und Geduld, aber die Absicht, keine Tiere mehr ausbeuten zu wollen, ist es allemal wert.

Veganer*innen sind immer auf der Hut: Beim Essen, bei der Kleidung (Wolle, Seide), bei Schuhen und Accessoires (Leder), Bettzeug und Winterjacken (Daunen) und bei Kosmetik, die zum Glück mittlerweile durch die Kennzeichnung leichter als tierversuchsfrei und von Tierprodukten frei identifiziert werden kann. Die Tiere haben es verdient, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen prüfen und untersuchen, was wir konsumieren.

Und doch kann es passieren, dass wir in die Falle tappen - die Alltagsfalle.

Künstlerbedarf ist ein gutes Beispiel: Viele Pinsel sind mit Tierhaaren gemacht. Es gibt mittlerweile aber schon gute synthetische Produkte, für die kein Lebewesen leiden musste. Wachsmalblöcke können Bienenwachs enthalten, Leim ist nicht immer vegan. Nach Möglichkeit kann man sich hier für andere Produkte entscheiden.

Anders verhält es sich mit Medikamenten und Impfungen. Viele wurden in Tierversuchen getestet oder enthalten tierische Produkte. Die einzige Wahlmöglichkeit ist, die notwendigen Medikamente zu nehmen oder krank zu bleiben. Not nice. Bei Operationen ist es genauso. Leben oder tot sein, das ist die Frage. Und am öffentlichen Klo ist es auch sehr ratsam, sich die Hände zu waschen, auch wenn der Ursprung der Seife nicht genau definiert ist.

Wenn man die Wahl hat, greift man zu alternativen Produkten. Aber die hat man nicht immer, weil man durch häufig nicht deklarierte komplizierte Prozesse und Produktionsstadien ganz viele Informationen einfach nicht bekommt. Ich weiß nicht, ob die Tastatur, auf der ich diesen Text tippe, vegan ist oder die Zuggarnitur der ÖBB, in der ich gerade auf dem Weg in die Arbeit bin.

Und genau bei diesem Punkt kommt die Definition von Veganismus zum Tragen: Alle Formen von Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden – soweit es praktisch durchführbar ist.  Wenn du tot bist, kannst du dich nicht mehr für die Tiere einsetzen, ihnen keine Stimme leihen und nicht für sie auf die Straße gehen. Aber gib immer dein Bestes!       

Conclusio: Wir leben in einer nicht veganen Welt. Beinahe jede Industrie benutzt tierische Produkte. Beinahe alles in dieser Welt ist mit der Tierausbeutung verwoben und das seit sehr langer Zeit. Es ist nicht immer einfach oder gar möglich, im veganen Paralleluniversum zu leben, ohne einem Lebewesen zu schaden.  

Vegan Leben heißt, so gut es geht und wie es möglich ist. Gemäß dieser Definition ist es wichtig, das Beste zu geben und sich nicht zu geißeln, wenn man einen Fehler gemacht und irrtümlich zu einem nicht veganen Produkt gegriffen hat. Das ist uns allen schon passiert!

Wir Aktivist*innen beginnen gerade, uns für eine vegane Welt einzusetzen. Schritt für Schritt. Vieles haben wir schon erreicht, sehr Vieles ist noch notwendig und wir werden es eines Tages geschafft haben, dass die Tiere frei und keine Wirtschaftsgüter mehr sind.

Wir brauchen Zuversicht, Kraft und Ausdauer. Selbstkasteiung und schlechte Gefühlszustände sind auf dem Weg zu einer veganen Welt hinderlich.

Wir brauchen Kraft, Ausdauer, Mut und eine dicke Haut. Und wenn wir mit unserer Mission nicht allein sind, wir gleichgesinnte Gefährt*innen und Wegbegleiter*innen finden, dann sind wir einfach unschlagbar und UNSTOPPABLE.  

Zurück
Zurück

NARD 2024 Bericht

Weiter
Weiter

Vegan geworden… was nun?