Eine vegane Welt von heute auf morgen

“Aber wenn alle auf der Welt plötzlich vegan werden würden, gäbe es doch unzählige wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme.”

Diesem Spruch begegnen Tierrechtsaktivisten, die sich für die sofortige und vollständige Abschaffung der Tierqualindustrien stark machen, ziemlich häufig. Es sollte eingangs angemerkt werden, dass sozialer Wandel immer ein Prozess ist und selbst im optimistischsten Szenario die Welt nicht von heute auf morgen veganisiert werden kann. Nichts desto trotz ist es natürlich ein spannendes Gedankenexperiment: Was würde dann eigentlich tatsächlich passieren, wenn alle Menschen von heute auf morgen vegan werden würden? Dieser Beitrag setzt sich zum Ziel, dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Dass die gesamte Welt auf einmal vegan ist, würde sich im ersten Augenblick dadurch bemerkbar machen, dass alle tierischen Produkte in den Supermärkten und den Restaurants liegen bleiben, während vegane Alternativen innerhalb weniger Minuten komplett ausverkauft wären. Dies würde bereits nach einigen Stunden zu Panik in der Politik führen. Verunsichert von den Geschehnissen würden sich Politiker darum bemühen, schnellstmöglich herauszufinden, welcher Ursache die plötzliche Ablehnung tierischer Produkte zugrunde liegt und welche politische Reaktion von ihren Beratern und Experten empfohlen wird.

Die Berater würden den Politikern schnell klar machen, dass ein plötzlicher Wandel der gesellschaftlichen Moral stattgefunden hat, dem sich die Politiker beugen müssten, um nicht durch Demonstrationen und Proteste aus ihrem Amt verdrängt zu werden.

Die Politiker würden innerhalb der ersten 24 Stunden vor die Masse treten und sich mit den neuen Bedürfnissen der Leute solidarisieren und in einer motivierenden Ansprache verkünden, dass sie alles dafür tun werden, die neuen Herausforderungen zu bewältigen. Gleichzeitig würden die Politiker auch all jenen Leuten, die bislang in Tierqualindustrien gearbeitet hatten, Mut zusprechen und ihnen versichern, dass man sie nicht im Stich lassen würde. Es würden monetäre Rettungspaket für diverse Industrien geschnürt werden, um die Verluste abzufedern und um zu versuchen Massenkonkurse, Massenarbeitslosigkeit und eine Wirtschaftskrise abzuwenden.

Hinter den Kulissen würden Überlegungen starten, wie man die Versorgungssicherheit der Menschen in den nächsten Wochen sicherstellen könnte. Dabei würden unter anderem die vorhandenen tierischen Produkte gratis zur Verfügung gestellt werden, mit dem Versprechen, dass mit dem Konsum keine weitere Nachfrage gefördert werden würde. Auch würde ermittelt werden, inwiefern gelagerte Tiernahrung Menschen zur Verfügung gestellt werden könnte.

Last but not least würde die Frage im Raum stehen “Wohin nun mit all den Tieren?” Schätzungen zufolge leben auf der Welt aktuell 15 mal mehr Säugetiere in menschlicher Gefangenschaft als in der Wildnis. Diese alle wieder in die Wildnis zu entlassen, würde einerseits die Natur destabilisieren, andererseits zu einem Massensterben der “Nutztiere” führen, da diese durch jahrzehntelange Qualzuchten in der Regel nicht mehr die Fertigkeiten besitzen in der freien Wildbahn zu überleben.

Wahrscheinlich ist, dass man versuchen würde, den Großteil dieser Tiere heimlich zu schlachten und deren Fleisch unter das bereits vorhandene Fleisch in Supermärkten/Restaurants etc. mischen. Das heimliche Schlachten würde sicherstellen, dass die Politik keinen Groll der Wählerschaft auf sich zieht und würde außerdem in den unsicheren Zeiten des Umbruchs zusätzliche Nahrungsressourcen sichern. Hier würde es sich die Politik auch zu nutzen machen, dass dem Großteil der Menschen gar nicht bewusst war, wie viele Tiere eigentlich in menschlicher Gefangenschaft gelebt haben.

Im Anschluss würde man den Versuch starten, die nicht-geschlachteten Hühner, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Enten wieder an das Leben in der Natur zu gewöhnen. Man würde den Prozess der Auswilderung begleiten, um diesen Tieren das Fortpflanzen in der Natur und das langsame genetische Anpassen an die Natur zu ermöglichen.

Die Menschen, die bislang in Tierqualindustrien gearbeitet hatten, würde man versuchen, in anderen Industrien, die Produkte auf pflanzlicher Basis herstellen, unterzubringen. Auch würde man ehemalige Tierqual-Betriebe monetär unterstützen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Anlagen auf die Produktion pflanzlicher Produkte umzurüsten. Ganz ohne eine wirtschaftliche Rezession wird das nicht möglich sein. Welche Ausmaßen diese konkret annehmen würde, ist leider unmöglich abzuschätzen und würde unter anderem auch sehr stark von konkreten fiskalpolitischen Entscheidungen abhängen.

Sobald aber die wirtschaftliche Depression einmal überwunden ist, die Betriebe umgerüstet haben, die Fachkräfte umgeschult wurden und die Versorgung der Gesellschaft sich stabilisiert hat, würde es wieder zum Aufschwung kommen, der viele positive Nebeneffekte mit sich ziehen würde.

Einerseits hätte die Veganisierung der gesamten Erde eine starke Reduktion der Treibhausgasemissionen zur Folge. Aktuell ist die Nutztierhaltung für über 30% der globalen Emissionen verantwortlich, wodurch eine Abschaffung dieser sich förderlich auf die Natur auswirken und den Klimawandel stark ausbremsen würde.

Auch auf den Welthunger hätte die Befreiung der Tiere eine positive Auswirkung, da Flächen, die bislang für Tierhaltung und den Anbau von Tierfutter genutzt wurden, nun effizienter für die Produktion von Nahrungsmitteln für den Menschen verwendet werden könnten. Die vegane Ernährung würde nicht zuletzt auch zu einem Rückgang diverser Krankheiten wie beispielsweise Typ-2-Diabetes führen und somit auch das Gesundheitssystem entlasten.

Zu guter Letzt sollte man festhalten, dass die ethische Revolution im Hinblick auf die Tiere auch zu einer Verbesserung des Umgangs der Menschen miteinander führen könnte. Das gesellschaftliche Mindset, dass keinem Lebewesen unnötiges Leid zugefügt werden sollte, könnte auch dazu führen, dass Kriege weniger werden und die Menschen generell beginnen friedlicher zu leben.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass natürlich mit der plötzlichen Beendigung der Tierleidindustrie viele Herausforderungen einhergehen würden. Das Leben der Menschen würde höchstwahrscheinlich kurzfristig deutlich härter werden und die Wirtschaft würde erstmal Schaden dadurch erfahren. Auch die zig Milliarden “Nutztiere”, die aktuell in Gefangenschaft gehalten werden, würden wahrscheinlich zum größten Teil nicht gerettet werden können. Innerhalb weniger Jahre allerdings würden die negativen Auswirkungen den positiven weichen. Weltweiter Veganismus würde nicht nur Milliarden von noch ungeborenen Tieren Leid erspart bleiben, auch die Menschen und das gesamte Ökosystem würden von der Abschaffung der Tierversklavung profitieren. Aktuelle Herausforderungen, wie Klimawandel, Welthunger und Krankheiten würden zurückgedrängt werden und die Menschheit würde ein neues Stadium ihrer ethischen Entwicklung erreichen. 

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Wen streicheln, wen essen?

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Parallelen zwischen Tierrechtsaktivismus und anderen Gerechtigkeitsbewegungen