Parallelen zwischen Tierrechtsaktivismus und anderen Gerechtigkeitsbewegungen

Unter “woke sein” wird heutzutage verstanden, sich Machtstrukturen, die unsere Gesellschaft durchziehen, bewusst zu sein und durch aktive Handlungen und sensible Sprache diese Machtstrukturen zu durchzubrechen. Menschen, die sich als woke bezeichnen, gehen davon aus, dass wir grundlegende Rassismen, Ableismen und Sexismen durch unsere Einziehung eingeimpft bekommen und nur durch aktives Reflektieren, diese überhaupt erkennen können. Der “Normalität”, wie wir sie kennen, wird somit eine inhärente Ungerechtigkeit attestiert und der Auftrag der woken Leute lautet, sich bewusst antisexistisch und antirassistisch, antiableistisch sowie bewusst LGBTQI+ freundlich zu verhalten, um sicherzustellen, dass die nächste Generation eine andere Wahrnehmung davon bekommt, was eigentlich “Normalität” ist.

Absurderweise wird von selbsternannten woken Leuten die dominanteste Diskriminierungsform dabei oftmals außer Acht gelassen: Die Diskriminierung aufgrund der Spezies, auch Speziesismus genannt. Speziesismus durchzieht noch viel erkennbarer als die anderen Diskriminierungsformen die gesellschaftlichen Strukturen. Begrifflichkeiten wie “Nutztiere” suggerieren bereits Kindern, dass es gewisse Tiere gibt, deren Lebenssinn es ist, einen Nutzen für den Menschen zu erbringen. Sprichwörter wie “2 Fliegen mit einer Klatsche schlagen” banalisiert das Töten von Tieren und erklärt es zu etwas Alltäglichem und damit Normalem. Leichenteile oder Menstruationsausscheidungen von Tieren werden durch Bezeichnungen wie “Fleisch” und “Eier” verschleiert und damit wesentlich harmloser dargestellt, als sie eigentlich sind.

Auch dass Grillfeste oder Zoobesuche als normale Freizeitaktivität für Familien gelten, ist bei genauerer Reflexion hochproblematisch. Auch hier lernen Kinder schon in frühem Alter Tierverspeisung und Tierversklavung mit positiven Emotionen und Erlebnissen zu verknüpfen. Viehwirte und Jäger gelten nicht als Sklaventreiber und Assassinen, sondern werden als prestigeträchtige Jobs angesehen und so auch bereits in Kinderbüchern dargestellt. Es ist also nicht verwunderlich, dass man als junger Erwachsener, geprägt durch seine Erziehung und seine Erfahrungen, gar nicht auf die Idee kommt, dass Tiere einen höheren Stellenwert haben könnten, oder universelle Rechte genießen sollten, die sie vor Versklavung und Ermordung schützen. Die gesellschaftliche Normalität, wie sie sich uns darstellt, ist eine zutiefst speziesistische und Speziesismus durchdringt alle unsere Lebensbereiche und nicht zuletzt auch unsere Sprache.

Auf diese Realität hingewiesen, verweisen Leute oftmals auf grundlegende Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Und in der Tat ist es so, dass Tiere nicht dieselben intellektuellen Kapazitäten wie Menschen haben, deutlich triebgesteuerter sind und kaum befähigt sind, moralisch und philosophisch über die Welt zu reflektieren. Interessanterweise allerdings haben Gerechtigkeitsbewegungen, die Rechte für Frauen, LGBTQI+-Menschen, Schwarze oder Menschen mit Beeinträchtigungen gefordert haben, sich in ihrer Argumentation selten auf intellektuelle Kapazitäten oder Reflexionsfähigkeit berufen. Viel mehr waren es Eigenschaften, die Menschen und Tiere einen, die als Begründung dafür herangezogen wurden, dass Frauen, LGBTQI+-Menschen, Schwarze und Menschen mit Beeinträchtigung grundlegende Rechte erfahren sollten. Damit gemeint sind in erster Linie Eigenschaften wie Schmerzempfinden, das Empfinden von Emotionen wie Freude, Liebe und Angst, das Bedürfnis nach einem Leben in Freiheit, das Bedürfnis auf die Selbstbestimmung des eigenen Körpers und das Bedürfnis nach einem natürlichen Tod.

Was Tierrechtsaktivisten fordern, ist nichts anderes als grundlegende Rechte für Tiere, die diese Eigenschaften, Empfindungen und Bedürfnisse berücksichtigen. Rechte, die intellektuelle Kapazitäten und eine kritische Reflexionsfähigkeit voraussetzen, wie beispielsweise das Wahlrecht, würden weiterhin Menschen vorbehalten sein.

Abschließend lässt sich also festhalten, dass es ethisch inkonsistent ist, wenn man sich auf der einen Seite dafür einsetzt, dass Frauen Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper und ihre eigene Sexualität haben sollten, auf der anderen Seite aber gestohlene Muttermilch von Kühen konsumiert und normalisiert. Insbesondere selbsternannte woke Bewegung haben sehr oft das Problem nur auf einem Auge tatsächlich woke zu sein und mit dem anderen Auge blind für die Diskriminierungsstrukturen der Gesellschaft in Hinblick auf die Tiere. Wer gegen Sexismus, Rassismus, Ableismus und Homophobie ist, muss im Prinzip auch vegan leben!

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NARD 2022 Bericht