Wen streicheln, wen essen?
Wen streicheln, wen essen? Dass der Konsum von tierischen Produkten normal und okay sei, wird von jeder modernen Kultur behauptet. Interessanterweise sind sich die Kulturen allerdings uneinig darüber, welche tierischen Produkte nun konsumiert werden dürfen und welche nicht. In Mitteleuropa beispielsweise ist der Konsum von Schweinefleisch alltäglich, während in islamisch-geprägten Regionen das Schlachten und Verspeisen von Schweinen verpönt ist und in manchen Ländern wie beispielsweise Saudi-Arabien sogar gesetzlich verboten ist. Genau andersherum ist es bei Hunden, die in Mitteleuropa als Begleiter und Freunde des Menschen gelten und (in den meisten Ländern) nicht geschlachtet werden dürfen, während der Verzehr von Hundefleisch in süd-ost-asiatischen Regionen wie Südkorea oder Teilen von China rechtlich kein Problem darstellt und weit verbreitet ist.
Beim Versuch, den Konsum bestimmter tierischer Produkte ethisch zu rechtfertigen, stößt man also schnell auf das Dilemma fehlender ethischer Konsistenz. Rein wissenschaftlich gibt es im Wahrnehmungsvermögen von Hunden und Schweinen keinen signifikanten Unterschied, mit dem man eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen könnte. Und dass auch die historisch gewachsenen Kulturen und Religionen nicht auf eine einheitliche Beurteilung der Frage “Wen streicheln? Wen essen?” gekommen sind, untermauert einmal mehr, dass unsere Aufteilung in “Haustiere” und “Nutztiere” rein willkürlich und frei von Logik stattfindet.
Doch wie können sich diese Kategorien dann halten? Hier kommt die Macht der Erziehung ins Spiel. Von Kindesalter an bekommen wir in Mitteleuropa erklärt “Hunde sind Haustiere. Mit denen spielt man. Schweine sind Nutztiere. Sie sind dafür da, dass wir sie essen.” Nicht nur die meisten Eltern predigen dieses Narrativ, sondern auch in Schulen bekommt man diese Glaubenssätze eingetrichtert. Nachdem man dieser Propaganda jahrelang ausgesetzt war, erscheint es nur naheliegend, dass man als junger Erwachsener einen klaren Wertunterschied zwischen Hunden und Schweinen verspürt, wenngleich man diesen nicht logisch begründen kann. Wenn man dann nicht den Mut hat, ehrlich über diese Glaubenssätze zu reflektieren und zu erkennen, auf welch absurder Propaganda sie fußen, wird man im Endeffekt selber Träger der Propaganda und überträgt sie auf die nächsten Generationen. Die Folge sind millionenfache, qualvolle Schreie ermordeter Schweine in Schlachthöfen. Sie alle hätten jedoch gerettet werden können, hätte die mitteleuropäische Gesellschaft realisiert, dass Schweine, genauso wie Hunde, gerne spielen, neue Freundschaften knüpfen und qualvoll leiden, wenn man sie einsperrt und Gewalt an ihnen ausübt. Sie alle hätten gerettet werden können, hätte die mitteleuropäische Gesellschaft erkannt, dass es zwischen den von ihnen geliebten Hunden und Schweinen kaum Unterschiede gibt.
In diesem Text wurde exemplarisch nur auf Hunde und Schweine eingegangen. Natürlich aber gibt es genauso wenig Rechtfertigung, ein Rind, ein Huhn, ein Schaf oder ein anderes vermeintliches “Nutztier” zu ermorden. Auch Rinder, Hühner, Schafe und alle anderen Tiere, die die Gesellschaft zu “Nutztieren” degradiert hat, haben einen Lebenswillen, haben ein Bedürfnis nach Liebe und Freiheit und verspüren Schmerz und Angst. Auch sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von einem Hund… und im Übrigen auch nicht von einem Menschen.
Good to Know: Für die willkürliche Unterteilung von Tieren nach einem logisch nicht begründbaren Wert gibt es auch einen Begriff und zwar “Speziesismus”. Speziesismus bezeichnet (ähnlich wie bei Rassismus und Sexismus) die Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Spezies.